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Prototyp für ein Mahnmal gegen das Vergessen präsentiert

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Artikel vom 28.04.2013 - 11.00 Uhr

Prototyp für ein Mahnmal gegen das Vergessen präsentiert

Echzell (kai). Der Entwurf für ein »Mahnmal gegen das Vergessen – in Erinnerung an die jüdische Bevölkerung in Echzell« ist am Donnerstagabend von den Mitgliedern des Arbeitskreises jüdisches Leben in Echzell vorgestellt worden. Künstler Alf Seckel gestaltete den Prototyp.

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Jochen Degkwitz
Der Bingenheimer Künstler Alf Seckel hat den Quader mit der Menschengruppe gestaltet. »Ich hatte erst eine andere Idee, dann war ich beim Rundgang auf den Spuren der jüdischen Echzeller Mitbürger im vergangenen Herbst, daraus ist dieser Entwurf entstanden«, erklärte Seckel. Ehe seine Frau Gitta und die Arbeitskreissprecherin Gudrun Friedrich den mit einem schwarzen Tuch verhüllten Entwurf präsentierten, informierte Dr. Jochen Degkwitz über die Geschichte, Herkunft und Lebensweise der jüdischen Echzeller. »Mit dem Wissen aus seinem Vortrag ist das Mahnmal absolut passend«, sagte Wolfgang Liepold, einer der rund 30 Echzeller, die zur Vorstellung des Mahnmals gekommen waren.

Die alten Geschichten dürften nicht ruhen, wie immer mal wieder von Mitbürgern gefordert werde, erklärte Friedrich. »Wir brauchen einen Ort, der uns daran erinnert, was damals geschah.«

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Degkwitz zeichnete ein Bild der Normalität im Zusammenleben zwischen Menschen christlichen und jüdischen Glaubens in Echzell bis in die 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. »Juden hat es in unserem Raum schon in Zeiten der Antike gegeben, seit dem römischen Kaiserreich«, erklärte Degkwitz. Vor 2000 Jahren herrschte Freizügigkeit. »Man konnte reisen und sich niederlassen, wo man wollte.« Jüdische Gemeinden gab es in allen römischen Städten, in Köln, Mainz, Speyer, Worms, zählte Degkwitz auf. Die Juden seien Teil der Bevölkerung gewesen. Gesicherte Quellen belegten jüdisches Leben in Echzell ab dem 16. Jahrhundert. Ihnen wurde verwehrt als Handwerker oder Bauern ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Daten aus dem 19. Jahrhundert belegten, dass jüdische Echzeller beruflich als Kaufleute, Händler, Metzger, Bäcker, Uhrmacher, Seifensieder, Lehrer oder Fabrikarbeiter tätig waren. »Das Bild von den reichen Juden, das sich in vielen Köpfen einbrannte, ist geprägt von einer kleinen Schicht erfolgreicher Geschäftsleute und Bankiers in den Städten«, erklärte Degkwitz. »Das hat mit der Lebenswirklichkeit der Juden in den Dörfern nichts zu tun.« Echzell und Bisses seien so etwas wie Refugien gewesen, in denen ein gewisser Wohlstand geherrscht habe. 1830 lebten in Bisses 41 Menschen jüdischen Glaubens, in Echzell 29. Sie hätten in Bisses eine Synagoge oder einen Betsaal gehabt, wo genau sei unbekannt. »Es gab eine jüdische Schule, in der von 1830 bis 1891 unterrichtet wurde.« In dieser Zeit wurden viele Häuser von Juden gebaut, etwa an der Echzeller Hauptstraße, Lindenstraße oder entlang der Bäckergasse, zu erkennen seien sie an den kleineren Hoftoren, durch die kein landwirtschaftliches Fuhrwerk passte. Freundschaften zwischen Christen und Juden wurden gepflegt. »Sie waren integriert«, sagte Degkwitz.

So auch Julius Simon. Er war Mitbegründer des SV Echzell und wurde 1931 zum Vorsitzenden des Vereins gewählt. »In ein solches Amt wird nur gewählt, wer allgemein akzeptiert und angesehen ist«, schlussfolgerte Degkwitz. »Sie waren Nachbarn, Freunde, Schulkameraden und Sportfreunde.« Von ihnen werde gesprochen, an sie müsse erinnert werden. »Nicht, weil sie Juden waren. Sondern, weil sie mit Beginn der Naziherrschaft systematisch ausgegrenzt, entwürdigt, entrechtet, enteignet, verschleppt, grausam gequält und schließlich schändlich ermordet wurden«, begründete Degkwitz. 59 Menschen, die in Echzell, Bisses und Gettenau zu Hause waren, überlebten den Holocaust nicht. Etwa gleich vielen gelang die Flucht. Vier Echzeller, die die Konzentrationslager überlebten, kehrten in ihre Heimat zurück. Unter ihnen Bella Hampel mit ihrer Tochter und dem behinderten Sohn sowie Max Kaufmann. Hampels Tochter lebe mit Kindern, Enkeln, Urenkeln in Echzell, die Mutter musste nach dem Krieg ihr Elternhaus zurückkaufen. »Sie sind nicht religiös, soweit ich weiß, gewiss jedenfalls nicht jüdischen Glaubens«, sagte Degkwitz. »Es gibt keine Juden mehr in Echzell, es sei denn, es wären neue hergezogen, von denen wir es nicht wissen. Solche Fragen stellt man heute nicht mehr, was ginge es uns auch an.«

Standort, Kosten und Herstellung

Die Mitglieder des Arbeitskreises schlagen vor, das Mahnmal links neben der Gedenkstätte für die Männer, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallen sind, vor der evangelischen Kirche in Echzell aufzustellen. Es solle ein erkennbarer Bezug zu dem vorhandenen Mahnmal entstehen, als Ergänzung. »Wir wollen aufhören mit der menschenunwürdigen Unterscheidung zwischen denen und uns, zwischen guten Toten und irgendwie schlechten Toten, für die wir uns schämen und die wir jetzt 70 Jahre totgeschwiegen haben«, erklärte Dr. Jochen Degkwitz. »Tote Soldaten sind ebenso wie tote Juden Opfer desselben verbrecherischen, menschenverachtenden und menschenmordenden Systems der Nazis.« Rund 22 000 Euro werde das Mahnmal kosten, berichtete Gudrun Friedrich. Das Modell werde in den nächsten Monaten in den Foyers der beiden Echzeller Banken stehen. Ziel sei es, Spenden zu sammeln, damit das Projekt realisiert werden könne. Patenschaften für einzelne Figuren seien möglich. Ein Antrag an die Gemeindevertretung werde gestellt, damit das Mahnmal möglichst bald realisiert werden könne. Herstellen soll es ein Echzeller Schlossereibetrieb. (kai)

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Artikel vom 28.04.2013 - 11.00 Uhr
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Leserkommentare
(07.05.2013 17:15)
Charlottchen
Fragt mal Betroffene . .
. . . was sie von Mahnmalen halten!
Vielleicht sollte man mal darüber nachdenken, ob ein Mahnmal wirklich so eine tolle Sache ist und wem sie in der Hauptsache nutzt.
In der Regel wird uns (Bürgern und potentiellen Wählern) die Aufstellung eines Mahnmals - meistens von Politikern im Wahlkampf - als moralisch oder kulturell wichtig verkauft. Sehr ehrenhaft . . .
In der Regel sind solche Male sehr, um nicht zu sagen ungebührlich, teuer. Ein Künstler oder Handwerker, der etwas auf sich hält, verschenkt seine Arbeit nicht. (hier 22.000 €, die noch irgendwie zu sammeln sind)
In der Regel sind solche Male auch meistens unoriginell und immer psychologisch fragwürdig. Frei nach dem Motto: „Nun steht das Mal, damit ist der Fall erledigt.“
Das für Mahnmale aufzuwendende Geld sollte man lieber den Angehörigen oder Nachkommen der Opfer der Ereignisse, an deren Schrecken gemahnt werden soll, zur Verfügung stellen.
Sollte es Angehörige nicht mehr geben, gibt es viele Möglichkeiten sein Engagement auf lebensnahe Aktivitäten zu richten, z. B. internationale Jugendarbeit, Städte- oder Ortspartnerschaften, Förderung des Auslandsaustausches von Schülern und jungen Erwachsenen, Ausrichtung internationaler Feste usw.
Interesse am Anderen, Verständnis für das Andere, Akzeptanz des Anderen und Toleranz entstehen durch Kenntnis und Kontakt.
Ein Mahnmal hilft da auch nicht weiter. (Außerdem gibt es in Deutschland schon reichlich davon.)
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