Butzbach (bd). Schon als Dr. György Dénes - 86 Jahre alt, gut gekleidet, feingliedrig, schlohweißes Haar - am Montagabend mit seiner Ehefrau den Vortragssaal des Heimatmuseums betrat, applaudierte ihm das zahlreich erschienene Publikum herzlich. Es war eine Huldigung an einen jüdischen Mann, der das Grauen des Nationalsozialismus überlebt hat - mehr als einmal mit einer Riesenportion Glück.
Viel Prominenz und zahlreiche interessierte Bürger verfolgen die Schilderungen des ungarischen Zeitzeugen im Museum.
»Vielleicht weil Gott mich am Leben lassen wollte, damit ich heute hier berichten kann«, meinte er am Schluss seines fesselnden Vortrags am Jahrestag der Judenpogrome, zu dem ihn die Lagergemeinschaft Auschwitz nach Butzbach eingeladen hatte.
György Dénes wurde in Südostungarn geboren, der Vater war Jude, die Mutter evangelisch. Dénes besuchte das evangelische Gymnasium seiner Geburtsstadt und legte dort 1941 das Abitur ab. Danach studierte er in Pécs Geschichte und Jura. Sein junges Leben nahm eine dramatische Wendung, als am 19. März 1944 Hitlers Truppen Ungarn besetzten: Dénes musste sein Studium abbrechen und den Davidstern tragen. Im April wurde er ins Getto abtransportiert, im Mai zur Zwangsarbeit geschleppt und im Dezember ins norddeutsche Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert.
Im Lager, so berichtete er, herrschten schreckliche Zustände. Es gab zwar keine Gaskammer und kein großes Krematorium, aber »man konnte jederzeit von einem Wachmann wie eine Ratte totgeschlagen werden«. Die Gefangenen mussten auf dreistöckigen Pritschen schlafen, immer zwei zusammen. Alles war verschmutzt, die Strohsäcke verlaust. Drei Wasserstellen sollten für 4000 Gefangene ausreichen.
Es gab kaum etwas zu essen, viele ältere Menschen starben schon nach wenigen Wochen. Die Holzfällerarbeit war gefährlich und schwer. Nach seiner Schicht musste Dénes im Winter ohne wärmende Kleidung stundenlang vor den Baracken beim Zählappell stillstehen.
Noch schlimmer mit der »Bestie«
Im Januar 1945 wurde alles noch schlimmer, als ein Josef Kramer aus Auschwitz kam und das Kommando in Bergen-Belsen übernahm. Dénes: »Wir nannten ihn die Bestie«. Die Behandlung wurde noch grausamer, das Essen noch weniger, immer mehr Häftlinge starben, meist an Entkräftung und Typhus. Nach Bergen-Belsen kamen etliche Evakuierungstransporte aus anderen KZs. Die Ankömmlinge mussten auf dem nackten, gefrorenen Boden schlafen. Von Tag zu Tag wurden in dem kleinen Krematorium mehr Leichen verbrannt, Ende März versagte der Ofen den Dienst. In der Folge lagen Tausende von Leichen zwischen den Baracken. Als am 14. April englische Truppen das Lager befreiten, fanden sie dort fast 30 000 Tote. Nach Dénes’ Informationen wurde Kramer von den Engländern gehenkt.
György Dénes (»Mehr kann ich nicht erzählen, es war unglaublich«) erlebte das nicht mehr mit. Er wog noch 33 Kilo, als man ihn am 10. April von Bergen-Belsen nach Theresienstadt karrte. Der Zug mit den eingepferchten Häftlingen wurde irrtümlich von englischen Fliegern beschossen. Die Kugeln prasselten durch die Waggonwände, töteten viele Häftlinge, auch ganz in der Nähe von Dénes.