Bad Vilbel. Ein wahres »Weckerleuchten« fand jetzt auf der Bühne des Kulturforums in Dortelweil statt, als Konstantin Wecker mit seiner Retrospektive über die vergangenen 40 Jahre »Das alles und viel mehr« einen musikalischen Edelstein nach dem anderen anstimmte und damit funkeln ließ. Die Fans waren begeistert, und wer ihn bislang noch nicht live erlebt hatte, wurde angesteckt. Was auch Weckers kongenialem Begleiter Jo Barnickel zu verdanken war, der es dem Sänger ermöglichte, hinter dem Flügel hervorzukommen und Kontakt zum Publikum aufzunehmen
Imposant wie seit Jahrzehnten: Konstantin Wecker bei seinem Auftritt im Kulturforum in Dortelweil. (Foto: Hofmann)
Er ist ruhiger - vielleicht altersweiser - geworden, der Konstantin Wecker, aber in seinen Texten ist noch immer jene Klarsicht vorhanden, wie vor 30, 40 Jahren. Aber der 61-Jährige hat von seiner Intention nichts zurückgenommen: Noch protestiert er singend, wendet sich gegen Rassismus (»Die Zigeuner san kumma«; »Lang mi net o«), verspießerte Heuchelei (»Einen braucht der Mensch zum Treten, einen hat er immer, der ihn tritt«) und die alltägliche Verlogenheit (»Trautes Heim«). Aber er weiß genau: »Es sind nicht nur die Lauten stark, nur weil sie lautstark sind«. Und so hörte das Auditorium einen viel leiseren und noch sensibleren Wecker, als er ohnehin seit Jahren von Bühnen und Tonträgern bekannt ist.
»Nach den Wahlen in Bayern haben wir ein neues Selbstbewusstsein«, belästerte er »die jüngste Demokratie Deutschlands« und Lieder aus seiner »Straßenmusikerzeit«, als er noch in Rom unterwegs war. Schon hier sangen manche Fans mit. »Das ist wirklich ein altes Lied«, wunderte sich Wecker.
Leiser ist er, ruhiger vielleicht auch, aber noch immer legt er den Finger in die Wunden dieser Gesellschaft. Wenn er beispielsweise sein Sturm-und-Drang-Lied »Genug ist nicht genug« zu neuer Lesart gegen die Machtgier der Banken und Bonzen anbietet: »Und die Götter geh’n zugrunde, weil wir endlich gottlos sind...«
Es brauchte nur die ersten Takte, um den Fans ein Wiedererkennungsgefühl zu geben: »Wenn der Sommer nicht mehr weit ist«, sang der Barde, kuschelig, bluesiger, als man es von früher kennt und doch auch wieder jazziger. Eben nicht ganz so sentimental, aber immer noch von bester Qualität. Es gibt eben Lieder, die bleiben. Oder er sang »Was macht der Richter nach Feierabend?« - ein Stück, in dem er möglicherweise seine Justizerfahrungen einbrachte. »Halt sie auf, misch dich ein«, sang er. Denn »gegen Rechts« zu singen ist auch eine Stoßrichtung, die Wecker nie aus den Augen verloren hat. So forderte er: »Wo alles dunkel ist, macht Licht!«
Es war ein musikalisches Kaminfeuer, das Wecker seinen Fans - mal eher Jazz, nicht selten Blues, aber immer Wecker - auf der Bühne anzündete. Einmal ging der Liedermacher sogar durchs Publikum, machte mal hier Halt oder setzte sich dort zu einer Zuschauerin.