Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Lokales » Städte und Gemeinden » Bad Vilbel »

Lebensgeschichten aus Afghanistan, Iran und Rumänien

Artikel vom 04.02.2010 - 23.00 Uhr

Lebensgeschichten aus Afghanistan, Iran und Rumänien

Bad Vilbel (aho). »Wie offen ist die Gesellschaft für Migranten?«, fragte Moderator Helmut Betschel-Pflügel am Mittwochabend in der Podiumsdiskussion zum Thema »Leben zwischen zwei Heimaten«. Gemeinsam mit drei Migranten sprach er im großen Café des Kurhauses über das Thema Einwanderung.
Über das Leben zwischen zwei Welten diskutieren (v.l.) Horst Samson, Parwin Bashariar, Helmut Betschel-Pflügel und Omid Nuripur.
Lupe - Artikelbild vergrössern
Über das Leben zwischen zwei Welten diskutieren (v.l.) Horst Samson, Parwin Bashariar, Helmut Betschel-Pflügel und Omid Nuripur. (Foto: aho)
Wie wichtig das sei, habe er in Gesprächen mit dem Vilbeler Redakteur Horst Samson und dem Bundestagsabgeordneten Omid Nuripur festgestellt, erklärte der von Bündnis90/Die Grünen und der SPD unterstützte Bürgermeisterkandidat. Zudem habe er selbst »als Flüchtlingskind von 1956, in zweiter Generation« erlebt, was es bedeute, seine Heimat zu verlieren, merkte Betschel-Pflügel an.

Parwin Bashariar, eine vor 13 Jahren mit fünf Kindern aus dem Krieg in Afghanistan geflohene Ingenieurin, diskutierte ebenfalls mit. Sie hatte vor wenigen Jahren in dem Buch »Anders als erwartet - Migrantinnen in der Wetterau« der Werkstatt »Frauen, Arbeit, Bildung« ihre Lebensgeschichte beschrieben - damals noch unter Pseudonym. Eigentlich habe noch Reinhard Schwarz, der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen in der Wetterau mit auf dem Podium sitzen sollen, sagte der Moderator. Nach einer ersten Zusage habe sich der Kreisvorstand des Bundes der Vertriebenen jedoch entschieden, sich nicht in den Bürgermeisterwahlkampf einzumischen.

Die Familie von Bashariar floh nach Deutschland, weil ihr Mann von den Taliban entführt worden war, wegen des Krieges, aber auch, weil sie als Frau unter den Taliban nicht in ihrem Beruf arbeiten konnte. Aber hier sei es ihr aufgrund der fehlenden Arbeitserlaubnis acht Jahre lang verboten gewesen zu arbeiten. Seit 1997 lebt Bashariar in Deutschland und arbeitet nun als Migrationshelferin an einer Schule. Als sie mit fünf Kindern in Deutschland ankam, lernten die Kinder schnell die deutsche Sprache. Auch sie musste mühsam die Sprache lernen, »denn ich musste meine eigenen Sachen erledigen«. Lange Jahre bekam Bashariar aufgrund der wechselnden Verhältnisse in Afghanistan immer einen anderen Flüchtlingsstatus, der ihr nicht erlaubte, sich als Anerkannte um Arbeit zu bewerben. Mittlerweile studieren drei ihrer Kinder und zwei besuchen die gymnasiale Oberstufe. Mittlerweile hat sie sogar ein Enkelkind.

»Verlust der Heimat ist das größte Unglück, das jeden treffen kann«, erklärte Nuripur. »Man verlässt seine erste Heimat nicht freiwillig, sondern weil etwas nicht veränderbar ist, wie Krieg oder Umweltzerstörung.« 1988 kam er als 13-Jähriger mit Schwester und Eltern aus dem Iran. »Meine Eltern haben für uns Kinder keine Perspektive gesehen.« Trotz hervorragender Zugangsprüfung für die Universität habe seine Schwester aus ideologischen Gründen keinen Uni-Zugang bekommen. Zudem musste die Familie eine Entscheidung treffen, da der Sohn wegen der Wehrpflicht als 14-Jähriger keine Ausreisegenehmigung mehr bekommen hätte. »Es gab eine ganze Generation 13-Jähriger, die als unbegleitete Flüchtlinge hier ankamen«, erzählte Nuripur. Zudem habe seine Mutter, »als Ingenieurin eine Pionierin im Luftverkehrswesen im Iran«, keine berufliche Perspektive mehr unter dem Khomeini-Regime mehr gehabt.

1993 beantragte Nuripur den deutschen Pass, bekommen hat er ihn erst 2002: »Ein »aufregender Vorgang«, über den er dann auch ein Buch veröffentlichte. »Ich hatte das Glück, Klassenkameraden zu haben, die mich wegen meiner zunächst schlechten Sprache nicht auslachten, sondern förderten«, sagte Nuripur. Wichtig sei: »Integration findet in der Kommune statt, und nicht in Berlin per Gesetz.« Es werde zu häufig über die wenigen gescheiterten Integrationsversuche gesprochen, meinte er. Es sollten viel häufiger die zahlreichen gelungenen Integrationen herausgestellt werden, forderte Nuripur.

»Heimat ist wichtig. Gerade in Bad Vilbel, wo viele Heimatlose eine solche gefunden haben«, stellte der im Rumänien geborene Samson fest, der in den 1980er-Jahren vor der rumänischen »Securitate« fliehen musste. Er ist überzeugt: »Migranten sind ein weites Fenster zur Welt, aber auch ein Spiegel, in dem wir uns sehen.« Das »wir« bezog Samson auch auf sich. Wenn zwar selbst Migrant, habe er doch als deutschsprachiger Einwanderer aus Rumänien »auf der Vertriebenenschiene« bessere Möglichkeiten vorgefunden, als Nuripur und Bashariar. Er bedauere, dass nicht mehr Vilbeler zur Diskussion um die Heimat gekommen seien. Anfangs habe er sich nicht vorstellen können, längere Zeit in Bad Vilbel zu arbeiten, bekannte Samson. »Jetzt es ist für mich der wichtigste Punkt des Lebens geworden. Das hätte ich nie gedacht«, schloss er nachdenklich.

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 04.02.2010 - 23.00 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang