Kabarettisten Sebastian Krämer und Marco Tschirpke in der Alten Mühle
Bad Vilbel. »Ich’n Lied und du’n Lied«, hieß das Programm von Sebastian Krämer und Marco Tschirpke in der Alten Mühle. Die Struktur war anfangs ganz einfach: Ein junger Mann trat ans Klavier, setzte sich, spielte etwas und sang dazu. Dann erfolgte ein fliegender Wechsel. Das Laufpensum war also immens. »Die beiden Künstler waren vor rund einem Jahr schon einmal hier - jeweils solo«, erinnerte sich Maria Ochs, Programmleiterin der Mühle. »Sie jetzt zusammen hier zu haben, ist wirklich toll.«
Marco Tschirpke ist in seinen Liedern »für die Intellektuellen zuständig«. (Fotos: aho)
Das glaubten aber nicht viele Kleinkunstfreunde aus Vilbel und Umgebung. Leider wiesen die Reihen merkliche Lücken auf, was der Stimmung auf der Bühne und im Publikum allerdings keinen Abbruch tat. Die beiden hervorragenden Musiker, bekannt aus dem »Quatsch-Comedy-Club«, zeigten mit ihren schnellen Wechseln, dass sie viele Stilrichtungen, von Klassik bis Jazz und zum Teil auch Pop bestens beherrschten. Krämer sang, dass er für jede Lebenslage ein Lied habe. »Marco ist für die Intellektuellen zuständig, und ich singe für die Frauen«, scherzte Krämer. Das stimmte aber nur bedingt. Wenn Krämer »von einer, die sich auszog, mich das Fürchten zu lehren« sprach, konnte man seine Zweifel haben. Dann wiederum gab er ein Loblied auf seinen Steuerberater zum Besten, der auch ab und zu vorbeikäme, um die Kinder zu hüten.
Zuweilen sangen die Künstler auch gemeinsam: »Die Wolke und der Tee - sie ziehen gemeinsam an keinem Strang« war einer ihrer vielen Kalauer, mit denen sie ihr Publikum beglückten. Tschirpke besprach unter anderem ein Gedicht über den Unterschied zwischen verwilderten Hunden und Wölfen in der Lausitz. »Wir waren zu dritt unterwegs, der Krämer, sein Laptop und ich«, erinnerte sich Tschirpke an den Beginn dieser wundervollen Freundschaft. Beide, bekannt als leicht verschrobene Einzelgänger, trafen sich in einer Show und entschieden sich, gemeinsam auf Tour zu gehen. »Anfangs haben wir professionelle Distanz gehalten«, erläuterte Tschirpke die noch immer frische Zusammenarbeit mit dem eher plauderhaften Kollegen. »Jetzt können wir uns nicht mehr riechen«, schmunzelte er.
Auch politisiert wurde: Tschirpke sang ein Solidaritätslied zu Ehren von Ernst Thälmann, und Krämer fand, dass er einen ganz passablen Konterrevolutionär abgäbe. Von den ausgefeilten Texten, der virtuosen Musik und dem meist leise wirkenden Witz einmal abgesehen, waren die Künstler ziemlich unterschiedlich: So wie Yin und Yang, hoch und tief oder eben wie Wolken und Tee. Genau ließ sich für den Laien nicht feststellen, in welcher Stimmlage Krämer oder Tschirpke ihre - oft ziemlich um die Ecke gedachten - Weisheiten zum Besten gaben: War es noch Tenor oder schon Falsett? Die fein gedrechselten bis charmant hinterhältigen Texte waren zudem nichts für humoristische Grobmotoriker. Krämer habe sogar bei seinem letzten Auftritt ein Lied über Bad Vilbel geschrieben, sagte er: »Es hieß ›Darmstadt‹.«
Es wurde ein kurzweiliger, humoristischer und astronomischer Abend. Denn auf der Bühne leuchteten zwei kabarettistisch helle Sterne um die Wette. Und das kosmische Hintergrundrauschen aus dem Parkett bewies, dass sich das Universum der Gemeinsamkeiten immer weiter ausdehnte. Andreas Hofmann