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Jüdische Gemeinde und Stadt erinnern an Pogrome

Artikel vom 10.11.2009 - 19.53 Uhr

Jüdische Gemeinde und Stadt erinnern an Pogrome

Bad Vilbel (pe). »Was in 500 Jahren Geschichte zusammengewachsen war, war in nur fünf Jahren ab 1933 vergiftet und zerstört worden.« Mit diesen Worten erinnerte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bad Vilbel, Rafael Zur, an die Judenpogrome vom 10. November 1938. In dieser Stadt fand die systematische Hetze gegen Juden einen Tag später statt als im übrigen Deutschland: »Die Vilbeler Jüdinnen und Juden hatten 24 Stunden Aufschub, weil die Barbaren sich noch vorbereiten mussten«, merkte Zur dazu an.
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Seine Rede hatte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde am Gedenkstein vor dem Alten Rathaus begonnen, allerdings fühlten sich einige der doch zahlreich erschienenen Zuhörer durch den Verkehrslärm gestört und konnten die Worte des Redners nicht verstehen, sodass auf Anregung von Bürgermeister Dr. Thomas Stöhr die Gedenkstunde in den Empfangssaal des Alten Rathauses verlegt wurde.

Dort setzte Zur dann fort, wobei er an die Frankfurter Straße erinnerte, wo zahlreiche Juden lebten, wie etwa der Arzt Dr. Samesch, Richter Dr. Homburger, Arzt Dr. Mayer, Schulleiter Dr. Chambre oder etwa Bäcker Strauß und Metzger Löw. Es sei »die menschliche Mitte der Stadt« gewesen, bis zum 10. November 1938. Da hätten sich die Nazis vor dem Alten Rathaus versammelt, um die Juden zu verjagen, um zu zerstören und zu rauben. Nachdem er einige Ereignisse geschildert hatte, meinte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde: »Aber kein einziger Vilbeler stellte sich auf die Seite der Juden und gegen den Nazi-Mob.«

Der Bürgermeister als nächster Redner sagte, die Pogrome hätten einen »unsäglichen Höhepunkt auf dem Weg einer menschenverachtenden Ideologie mit dem Ziel der vollständigen Vernichtung des euopäischen Judentums gebildet«. Man begehe heute eine Stunde des Erinnerns in dreifacher Form: durch das gesprochene Wort, einen Augenblick der Stille und ein Gebet. Stöhr erinnerte daran, dass die Vilbeler Pogrome nicht etwa am Stadtrand oder im Dunkeln stattgefunden hätten, also mithin unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Vielmehr seien die Übergriffe auf die jüdischen Mitbürger am hellen Tag, »bewusst als öfferntliche Aktion angelegt und im Herzen der Stadt, hier in der Frankfurter Straße« erfolgt. Das Stadtoberhaupt erinnerte namentlich an den ehemaligen Realschullehrer Dr. Albert Chambré, der das geistige Leben in der Stadt mitgeprägt habe. Er sei eine angesehene Persönlichkeit gewesen, gleichwohl sei auch er Opfer einer menschenverachtenden Ideologie und eines unbegreiflichen Hasses geworden. Chambré sei am 14. November 1938 im KZ Dachau ermordet worden.

Nach dem Bürgermeister sprach die Stadtverordnete Vered Rosa Zur-Panzer. Auch sie erinnerte zunächst daran, dass vor dem Zweiten Weltkrieg Christen und Juden unbelastet gemeinsam miteinander in dieser Stadt gelebt hätten. »Der jüdische Glaube war integriert in der deutschen Gesellschaft und Kultur.«

Der Nationalsozialismus habe aber das facettenreiche jüdische Leben in dieser Stadt ausgelöscht. Heute seien die »Hetzparolen von rechten Gruppierungen« schmerzhaft für Jüdinnen und Juden. »Wer schweigt und zusieht, ist ein Duldender. Ein Nichtstun ist eine Zustimmung.« Es sei aber wichtig, etwas gegen rechte Parolen zu tun, so Zur-Panzer.

Nach den Reden sang der zwölfköpfige Chor »Shalom Singers« der Jüdischen Gemeinde Frankfurt unter der Leitung von Benjamin Brainman ein Gebet und drei Lieder, ehe der Rabbiner Shlomo Raskin noch im Saal das »El Mele Rachamin« und am mit brennenden Kerzen umrahmten Gedenkstein das Totengebet, den Kaddisch, sprach.

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Artikel vom 10.11.2009 - 19.53 Uhr
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