Bad Vilbel (koe). Abhängige werden immer jünger. Teilweise rutschen bereits Zwölfjährige in den Sog von Alkohol, Zigaretten oder harten Drogen. Neu ist dabei auch Online-Spielsucht, von der Jungen und Mädchen gleichermaßen betroffen sein können.
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (3. v.r.) unterhält sich mit (v.l.): Gerhard Rauschenberg, Lutz Illhard, Hans Peter Krämer, Gesine Wambach, Dr. Dieter Kunz und Hans Böhl. (Foto: Köhnkow)
Diese Entwicklung kennt auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans. Sie kam auf Einladung der FDP in die Außenstelle des Zentrums für Jugendberatung und Suchthilfe für den Wetteraukreis, um sich mit den Verantwortlichen zu unterhalten und sich über die entsprechenden Angebote zu informieren.
Das Phänomen der Onlinespiel-Sucht gibt es schon seit einigen Jahren, jetzt zeigen sich aber erhöhte Zahlen in der Beratungsstellen - auch im Wetteraukreis, wie Dr. Dieter Kunz, Geschäftsführer des Vereins Jugendberatung und Jugendhilfe (JJ), sagte. Der Leiter des Zentrums für Jugendberatung und Suchthilfe in Friedberg, Hans Peter Krämer, erläuterte: »2008 waren es etwa zehn Personen, die wir wegen Online-Spielsucht beraten haben. Im vergangenen Jahr waren es schon 21.« Schwierig ist an dieser Art der Sucht, dass es lange niemand mitbekommt. »Eltern kennen die Spiele nicht und bemerken die Folgen oft erst, wenn es fast zu spät ist«, sagte Dyckmans. Denn Onlinespiel-Sucht führe zu massiven körperlichen Schäden. Betroffene sitzen tage- und nächtelang vor dem PC, essen nicht mehr, pflegen sich nicht richtig und leben nur für das Spiel. Der Reiz bestehe bei Spielen wie »World of Warcraft« (»WoW«) nämlich darin, dass es kein Ende gibt. In einer virtuellen Welt leben die Betroffenen mit ihren Computerfiguren weiter und unterhalten sich vernetzt sogar mit anderen Spielern. »Dadurch entsteht der Trugschluss, Freunde zu haben und am Leben teilzunehmen, obwohl die Betroffenen nur noch für den Computer leben und alle sozialen Kontakte brechen«, erklärte Kunz’ Stellvertreter, Hans Böhl. Außerdem verpflichten sich die Spieler in so genannten »Communities« Aufgaben zu übernehmen. »Einfach aufhören und nicht mehr mitmachen geht also nicht. Es entsteht ein Druck innerhalb der Spielgemeinschaft«, erklärte Kunz.
Der Sog dieser Spiele sei sehr stark. Wenn den Jugendlichen das Spielen verboten oder der PC weggenommen wird, haben Eltern mit hohem Aggressionspotenzial zu kämpfen. »Entzugserscheinungen stehen denen eines Heroinsüchtigen in nichts nach«, sagte Böhl weiter.
In die Beratungsstellen kommen zunächst Eltern, die mit dem Problem nicht umgehen können. Zu 90 Prozent seien es Mütter. Fokus der Beratungen ist, an die Jugendlichen heranzukommen und ihnen einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Computer beizubringen. »Sie müssen Medienkompetenz erlernen. Das gleiche gilt auch für die Eltern. Sie müssen wissen, was ihre Kinder machen«, so Krämer.
Der Drogenberater für Bad Vilbel und Karben, Lutz Illhard, kennt einige Fälle von Onlinespiel-Süchtigen aus seiner Praxis. Das Einstiegsalter liege oft bei zwölf Jahren, Jungen und Mädchen seien gleichermaßen betroffen. Er berichtete von einem Fall aus dem Ostkreis: Ein 16-jähriger Jugendlicher ist extrem abhängig vom Onlinespiel »WoW«. »Er kauft von seinem Taschengeld nur Zigaretten und Windeln. Die Windeln braucht er, damit er nicht mehr zur Toilette gehen muss und den PC gar nicht mehr zu verlassen braucht«, schilderte Illhard.