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»Die Räuber« feiern gelungene Premiere bei den Burgfestspielen

Artikel vom 20.06.2010 - 22.45 Uhr

»Die Räuber« feiern gelungene Premiere bei den Burgfestspielen

Bad Vilbel. Mit Schillers »Die Räuber« hatte der Klassiker dieses Festspielsommers am Freitagabend eine äußerst gelungene Premiere. Dabei wurde das berühmte Stück teils in »klassisch« wirkenden Kostümen, teils »modern« (Pistolen als Waffen) inszeniert, wie es heute leider üblich ist. Das tat aber der intensiven Wirkung diesmal keinen Abbruch. Denn das Stück, wegen dem der junge Schiller nach Weimar flüchten musste, um der Haft zu entgehen, schlägt so die Brücke vom »Sturm und Drang« hinüber in die jüngere deutsche Geschichte, die Zeit der 1970er-Jahre.
Der Räuber Schweizer (Jens Wachholz,r.) hält Karl Moor (Christian Higer) eine Pistole an den Kopf und sagt: »Sei Du unser Hauptm
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Der Räuber Schweizer (Jens Wachholz,r.) hält Karl Moor (Christian Higer) eine Pistole an den Kopf und sagt: »Sei Du unser Hauptmann«. (Foto: Hofmann)
Franz Moor (ein hervorragend unsympathisch spielender Michael Kamp) ist der jüngere Sohn von Maximilian Graf von Moor (ein Vater kann kaum entsetzter sein als Harald Heinz in dieser Rolle) und stellt »die Natur« in Frage, die ihn nicht nur zum (nicht erbberechtigten) Zweitgeborenen, sondern damit zum Benachteiligten gegenüber seinem vom Vater bevorzugten Bruder Karl (radikal emotional in bester Spiellaune: Christian Higer) macht. Selbst die Liebe zu Amalia (Anja Schiffel) ist Franz nicht gegönnt: sie liebt unverbrüchlich den älteren Bruder.

Karl studiert in Leipzig und lässt es sich in der Welt skandalös gut gehen. Einen Brief, in dem Karl dem Vater seine »Schandtaten« gesteht und um Verzeihung bittet, nutzt Franz zur Intrige. Dem Vater liest er den Brief so vor, dass dieser sich zwar nicht ganz dazu entschließen kann, seinen Älteren zu verstoßen. Und er trägt seinem Jüngeren, Franz, auf dessen Bitten auf, Karl einen zunächst tadelnden Brief zu schreiben und den Kontakt abzubrechen, bis der in Leipzig Weilende sich wieder gefangen habe. Franz nutzt diese Vollmacht und schickt dem Bruder die Nachricht, der Vater habe ihn verstoßen.

Über diese Nachricht erzürnt und von seinen Idealen einer gerechteren Welt getrieben, schwört Karl seinen Kumpanen, zeitlebens mit ihnen in den Böhmischen Wäldern zu leben und - auf ihren Wunsch hin - ihr Räuberhauptmann zu sein. Was er jedoch nicht merkt, ist, dass seine Gefolgsleute (besonders der von Michael R. Klein gespielte Spiegelberg) eigentlich nur hedonistische Mörder und Räuber sind, denen selbst das Leben wehrloser Frauen und Kinder nichts zählt. Karl hingegen will seine Verbrechen als Protest gegen »die da oben« verstanden wissen. Die Anklänge an die Anfänge der »RAF« sind hier kaum zu übersehen. Die feindlichen Brüder - hier der im Haus des Vaters intrigierende Franz, dort der »Stürmer und Dränger« Karl - begehren auf ihre Weise gegen die scheinbar festgefügte Ordnung der Welt auf. Und beide scheitern am Ende.

Franz, der glaubt, den eigenen Vater umgebracht zu haben, traut niemandem mehr und verfällt zusehens der eigenen Paranoia. Karl entdeckt Franzens Intrigen und, dass der Vater noch lebt. Er selbst wird den Vater mit dem Geständnis, ein Räuberhauptmann zu sein, umbringen. Während der Vater seine Naivität dem Jüngeren gegenüber entdeckt, wie Karl, dass er einen Irrweg beschritt, bleibt nur Amalia in ihrer Treue zu Karl in einer zusehens zerfallenden Welt moralisch integer. Das die »schiefe Bahn« symbolisierende, beinahe unzerstörbar wirkende Bühnenbild zerfällt buchstäblich, bis nichts besteht, als gemeuchelte Leichenberge.

Untermalt werden die Szenen durch Dennis Schneiders ebenso wirkungsvolle wie Spannung aufbauende Bühnenmusik, die von Rock bis zur klassischen Krimi-Musik alles bereithält, den Atem des Publikum zumindest zeitweilig zum Stocken zu bringen. Am Ende bleibt in den Köpfen: ein dicht inszeniertes, am Ende druckvolles Spiel, das nicht nur begeisterten Applaus, sondern bei manchen Zuschauern - ob seiner Zeitlosigkeit - auch Betroffenheit auslöste. Ab wann schlägt der revolutionäre »Drang nach Freiheit« (»Sturm und Drang«) um in Terror (der »RAF«)? Und wann pervertiert das Prinzip der (aufklärerischen) »Vernunft«, wie Franz Moor sie verkörpert, ins entseelt prinzipienlose Denken? Die Inszenierung dieser spannenden Fragen - die an Aktualität nichts eingebüßt haben - von Harald Demmer ist immer eine Reise zu den Burgfestspielen wert.

Andreas Hofmann

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Artikel vom 20.06.2010 - 22.45 Uhr
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