Artikel vom
23.10.2009 - 10.00 Uhr
Ziel: Nutzungskultur für Lebensraum Natur
Bad Nauheim/Ober-Mörlen (nbu). Im Interessenkonflikt um die Nutzung des Wintersteins (die WZ berichtete) hatten in den letzten Monaten sowohl die Mitarbeiter von Hessen-Forst als auch die Mountainbiker des Skiclubs Winterstein Bad Nauheim den Wunsch geäußert, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und zu reden. Das zuständige Forstamt Weilrod lud zur gestrigen Ortsbegehung deshalb nicht nur die Vertreter der Behörden, sondern auch Bernd Hallmann, Abteilungsleiter Mountainbike beim SCW, ein. Gemeinsam besichtigte man am Winterstein einen Rückeweg, auf dem Sprungschanzen errichtet wurden, und einen Teil des Limes, der durch Mountainbiker beschädigt ist.
»Das ist der Versuch, einiges klarzustellen und den Dialog anzuschieben«, erklärte Thomas Götz vom Forstamt Weilrod zur Begrüßung. Er verstehe den Termin als Möglichkeit zum Kennenlernen und Austausch zwischen den Parteien. Zudem wolle Hessen-Forst aufzeigen, welche Schäden das Winterstein-Gebiet durch rücksichtslose Radfahrer nehme.
Zu Beginn verwies Götz auf das Hessische Forstgesetz, welches das Betreten des Waldes zum Zwecke der Erholung grundsätzlich erlaubt. Götz: »Jeder Besucher ist willkommen - wenn er sich an gewisse Regeln hält.« Das Befahren mit dem Rad, der Kutsche oder einem Krankenfahrstuhl sei ebenso wie das Reiten nur auf festen Wegen und Forststraßen gestattet. Des Weiteren sei das Hessische Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege von Bedeutung, so Götz weiter. Das untersagt vor allem eine Beunruhigung der Wildtiere. Michael Schwarz von der Unteren Naturschutzbehörde Wetterau nannte das Beispiel der unter Artenschutz stehenden und am Winterstein heimischen Wildkatze (wir berichteten), die große Rückzugsflächen benötige. Die Tiere kennen laut Götz ihr Gebiet und wissen, dass sie auf den Wegen Menschen antreffen. Doch wenn sie sich in ihren Ruhezonen aufhalten, wo sie nicht mit Menschen rechnen, seien sie viel störanfälliger. Daher sei es wichtig, die Wege nicht zu verlassen.
Keine Alternativen für Mountainbiker
Gemeinsam fuhren alle Beteiligten zu einem von Mountainbikern genutzten Waldstück in der Nähe des Forsthauses Winterstein. Drei Sprungschanzen befinden sich hier abseits des Wegs. Nach Aussage von Bernd Hallmann existieren diese Hügel seit 2003 und sind ursprünglich vom amerikanischen Militär aufgeschüttet worden. 2006 sei eine größere Schanze entstanden, die der Skiclub auf eigene Kosten entsorgt habe, obwohl keines der Mitglieder für die Errichtung verantwortlich gewesen sei. Wie Hallmann weiter ausführte, gebe es im Winterstein-Gebiet weitere solcher künstlichen Sprungschanzen: »Wir wissen auch, wer die Erbauer sind, und stehen in gutem Kontakt mit ihnen.« Der Verein habe die Jugendlichen dazu bewegen können, ihre Schanzen wieder abzubauen. Doch grundsätzlich ließen sich diese Biker von den Gesetzen wenig beeinflussen, bedauerte er. Viele wüssten gar nichts von Verboten. Das Hauptproblem: Es gebe keine Alternativen. »Der nächste offizielle Bikepark ist in Winterberg, das sind 140 Kilometer von hier. Trotzdem hält sich das Gros an die Regeln«, betonte der SCW-Abteilungsleiter.
Zufällig kam ein Mountainbiker vorbeigeradelt, ordnungsgemäß auf einem Weg und mit Helm ausgerüstet. Er suche Ausgleich und Entspannung, erklärte er auf Nachfrage des Ober-Mörlener Bürgermeisters Sigbert Steffens. »Es ist einfach schön hier oben, man ist für sich.« Diese Anmerkung griff Steffens auf und hob noch einmal die Besonderheit des Wintersteins hervor. Durch die gute Wegevernetzung, die intakte Natur und das archäologische Interesse erfahre der Winterstein großen Zuspruch in der Bevölkerung. Man müsse eine Lösung finden, mit der alle Nutzer zufrieden sind. Immerhin suchten am Winterstein neben Radfahrern auch Wanderer, Nordic Walker und Reiter Erholung.
Die zweite Besichtigungsstation war der römische Limes. Das Unesco-Weltkulturerbe weise massive Schädigungen auf, wie Kreisarchäologe Jörg Lindenthal sagte. Durch das Befahren seien Spurrinnen entstanden, die es vor zehn Jahren noch nicht gegeben habe. »Das Welterbe muss geschützt werden«, betonte Lindenthal. Zu diesem Zweck sollen künftig am Limes Hinweisschilder aufgestellt werden. Außerdem hat das Forstamt Teile des Grenzwalls durch quer liegende Bäume gesperrt, so wie das bereits mit gewissen Wegstrecken geschehen ist. Wie Steffens anmerkte, mache dies die Pfade auch für Wanderer unattraktiv. Hallmann sprach von einer Verlagerung des Problems durch solche Sperrungen.
Wie Heinz Sill vom Forstamt Rosbach berichtete, habe man im Rosbacher Wald große Erfolge mit zwei Workshops erzielt, zu denen alle Nutzer des Waldes eingeladen waren. Dort sei Konsens gewesen, dass niemand Interesse an getrennten Gebieten für unterschiedliche Nutzer habe. Man müsse und könne sich arrangieren.
Götz forderte am Ende der Debatte dazu auf, »eine Nutzungskultur miteinander und im Lebensraum der Natur« zu entwickeln. Eine Lösung wurde nicht gefunden, aber der Dialog eröffnet. Und dieser soll weitergeführt werden.