Bad Nauheim (ihm). Gut gebrüllt, Kinder! Die Kleinen der Kindertagesstätte (Kita) Am Lee Boulevard geben sich tüchtig Mühe, Licht- und Tonsignal der Lärmampel auszulösen. Seit kurzem ist das Gerät in der Kita im Einsatz. Initiator ist Hörgeräte-Akustiker Christian Bach. Das Ziel ist mehrschichtig: Pädagogische und gesundheitliche Aspekte gehören dazu.
Gut gemacht, Kinder! Fürs WZ-Foto geben sich die Jungen und Mädchen tüchtig Mühe, das Licht-Signal auszulösen. (Foto: ihm)
Die WZ erkundigte sich auch bei Gewerkschaftssekretärin Kirsten Frank (Verdi), die auf den arbeitsschutzrechtlichen Faktor hinwies. Laut Stadtverwaltung werden die städtischen Tagesstätten nach und nach mit Schallschutzeinrichtungen ausgerüstet.
»Kinderlärm ist zumutbar, denn Kinder haben ein Recht, sich auszuleben«, unterstreicht Kita-Leiterin Annegret Rühl. Die Fähigkeit, zeitweise leiser zu sein, sei jedoch genauso wichtig. »Die Kinder können sich beispielsweise nur schwer unterhalten, wenn es sehr laut ist«, sagt sie. Weiterer Faktor: »Kommen die Jungen und Mädchen in die Schule, müssen sie in der Lage sein zuzuhören.« Die Erzieherinnen der Kita könnten gut mit der Geräuschkulisse umgehen. »Doch wenn wir nach der Arbeit heimkommen, merken wir, wie gut die Stille tut.«
Das lustige Gerät, das sich ab einer gewissen Phonstärke meldet, werde nur stundenweise eingesetzt. Rühl: »Wir wollen die Kinder nicht drillen, sondern ab und zu für dieses Thema sensibilisieren.« Von Zeit zu Zeit lesen die Kindergärtnerinnen zudem aus dem thematisch passenden Märchen um König »Rabatz« vor.
Hörgeräte-Akustiker Christian Bach aus Bad Nauheim kam vor einiger Zeit auf die Idee, die Lärmampel auszuprobieren. Kurz zuvor hatte er erstmals darüber im Internet gelesen, nun stellt er den Apparat probehalber zur Verfügung. »In Kitas ist mitunter ein so hoher Lärmpegel, dass es schädlich fürs Gehör sein kann«, sagt er. Erzieherinnen seien der Geräuschkulisse acht Stunden täglich ausgesetzt, in der Regel über viele Jahre hinweg. Die Ampel diene auch der Lärmerziehung im Interesse der Kinder. Wünschenswert sei eine nachhaltige Sensibilisierung: Etwa fürs Jugendalter, wenn Diskotheken-Besuche anstehen. »In Skandinavien sind solche Anlagen schon vielfach im Einsatz, auch in Schulen«, betont der Hörgeräte-Akustiker.
»Arbeitgeber muss Sorge tragen«
»2009 setzten wir den Tarifvertrag zur Gesundheitsförderung im Sozial- und Erziehungsdienst durch«, erläutert Kirsten Frank, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi in Frankfurt. Ziel sei es, die Belastungen zu reduzieren, denen Erzieherinnen physisch und psychisch ausgesetzt sind. »Das ist viel mehr als früher der Fall, weil die Aufgaben so zunehmen«, meint die Gewerkschaftssekretärin. Das Thema Geräuschkulisse sei nur ein einzelner Baustein der Palette. Rückenschädliche Sitzmöbel, die ausschließlich auf Kinderbedürfnisse ausgerichtet sind, und psychosoziale Belastungen wie Mobbing gehörten ebenso dazu. »Jede Einrichtung hat die Möglichkeit, beim Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung anzufordern«, erklärt Frank. In Sachen Lautstärke müsse der Arbeitgeber für ein Lärmminderung sorgen, etwa durchs Dämmen der Räume.
Nach Auskunft der Stadtverwaltung werden in den städtischen Kitas regelmäßig Lärmimmissionsmessungen vorgenommen. Soweit es bautechnisch möglich sei, werde alles getan, um die Belastung so gering wie möglich zu halten. In allen städtischen Tagesstätten seien Schallschutzeinrichtungen geplant, teilt die Verwaltung mit. In Kürze sei die Kita Am Hochwald an der Reihe. Die Geschwindigkeit, mit der die Nachrüstungen in den bestehenden Einrichtungen vorgenommen werden, erfolge freilich mit Blick auf finanzielle Spielräume und personelle Möglichkeiten: Pro Kita fielen Kosten zwischen 4000 und 8000 Euro an.