SPD: Bahnhofsgebäude ist »außen hui und innen pfui«
Bad Nauheim (jw/pd). Der bauliche Zustand des Bahnhofs bewegt weiter die politischen Gemüter in der Kurstadt. »Keine zwei Monate mehr bis zum Beginn der Landesgartenschau und eines der wichtigsten Eingangsportale Bad Nauheims ist immer noch in beschämendem Zustand«, sagt der neue Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Gernot Sattler. Trotz mehrerer Anfragen der SPD-Fraktion im Parlament habe sich im Gebäude wenig getan.
Rushhour im Bahnhof: Schnell weg hier, scheinen die Pendler zu denken. Das Ambiente der großen Bahnhofshalle lädt nicht gerade zum Verweilen ein. (Foto: nic)
Bei einer Begehung am Mittwoch machten sich die SPD-Mitglieder ein Bild über den aktuellen Zustand des Bahnhofs und den Stand der Arbeiten. Fazit: »Außen hui - innen pfui.« Einen Tag später, am Donnerstag, waren Vertreter der Hamburger Procom Invest GmbH & Co KG sowie von deren Tochter Erste Portal Real vor Ort, die das Gebäude von der Deutschen Bahn gekauft haben. Die Investoren machten deutlich, dass einerseits händeringend Mieter gesucht werden, andererseits die Zusammenarbeit mit der Bahn mehr als schwierig sei. Die SPD sieht den Eigentümer in der Pflicht, dieser sei »jetzt immer dringender gefordert, seine Bemühungen deutlich zu intensivieren«, sagt der Fraktionsvorsitzende Dr. Helmut Francke.
Während die Bahn mit Hochdruck an der Erneuerung der Bahnsteige und Aufzüge arbeite, bleibe noch offen, ob vor Beginn der Landesgartenschau alle notwendigen Arbeiten beendet werden könnten, insbesondere die Treppen, schreiben Sattler und Francke in einer gemeinsamen Presseerklärung. Um das Bahnhofsgebäude selbst sei es allerdings zum Teil außerordentlich schlecht bestellt, insbesondere was die Bahnhofshalle betrifft. Die Anlagen rund um den Bahnhof seien für teures Geld erneuert worden, auch in der Erneuerung der Bahnsteige stecke städtisches Geld. »Die Stadt hat hier große Ausgaben getätigt, damit die Besucher Bad Nauheims einen möglichst positiven ersten Eindruck erhalten. Doch dieser wird durch den Anblick der Empfangshalle zum großen Teil zunichte gemacht«, so Sattler: »Während die hohen Erwartungen des Bürgermeisters inzwischen wie Seifenblasen zu zerplatzen drohen, steigt auch der Ärger der Pendler, die seit längerer Zeit mit den Beeinträchtigungen konfrontiert sind.«
Nach Ansicht der SPD kann es nicht sein, »dass der private Investor Procom Zusagen nicht einhält und die Bemühungen der Stadt damit konterkariert«. Vor mehreren Monaten habe sich Procom »erst nach berechtigter, massiver Kritik und heftigen Debatten im Parlament« bereit gezeigt, die Sanierung zu beginnen und renovierte einige Teile des Gebäudes. Zum einen Wohnungen, um sie zu vermieten, andererseits wurde die Außenfassade restauriert. Sattler: »Doch die Eingangshalle - der Nabel des Gebäudes - wird weiterhin vernachlässigt. Dass noch immer keine geeigneten Mieter für die geplante Gastronomie und weitere Ladengeschäfte gefunden sind, liegt sicherlich auch an der mangelnden Intensität und Priorität der Bemühungen des Investors, der es immerhin schon über zwei Jahre in Kenntnis des LGS-Termins nicht geschafft hat, die Situation grundlegend zu ändern.«
»Verteidigungsreden wenig überzeugend«
Die »Verteidigungsreden« der Procom-Vertreter auf dem Ortstermin am Donnerstag seien »wenig überzeugend« gewesen, insbesondere der Verweis auf die uneigennützige Restaurierung der Außenfassade. Francke: »Immerhin sollte diese Restaurierung, aber auch die Gestaltung des Vorplatzes, von der Procom schließlich kostenlos profitiert, die Immobilie Bahnhof deutlich aufwerten und damit eine Vermietung der Räumlichkeiten endlich gelingen. In diesem Zusammenhang ist auch völlig unverständlich, warum nicht schon längst der obere Teil der Halle, also oberhalb der Fliesen, restauriert ist - Zeit genug war schließlich. Oder hat das Warten von Procom doch mit den Entscheidungsprozessen im Zusammenhang mit dem Stoll-Gelände zu tun, wie schon öfters vermutet?« Für die SPD ist es nun »höchste Zeit, dass es vorangeht«. Der Eigentümer müsse seine Bemühungen intensivieren, meint Francke und verweist auf Artikel 14 des Grundgesetzes, wo es heißt, dass Eigentum verpflichtet: »Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Gleichzeitig ist der Magistrat verpflichtet, diesen Prozess aktiv mitzugestalten und dem Parlament kontinuierlich zu berichten, da der Bahnhof einer Stadt eben nicht irgendeine private Immobilie ist, sondern ein Stück ›öffentlicher Raum‹, an dem zu Recht ein hohes Interesse der Bürgerschaft besteht«, heißt es in einer SPD-Anfrage zum Thema.
Auch der Vorort-Termin mit Procom habe die Befürchtung verstärkt, dass in der Bahnhofshalle bis zur Eröffnung der Landesgartenschau »wahrscheinlich nicht viel mehr wie Fegen und einmal feucht Durchwischen passiert«. Dies sei letztlich »auch ein Versäumnis des Magistrats und speziell des Bürgermeisters, der die wesentlichen Aktionen zu diesem Thema an sich gezogen hat. Er sollte seinen Glauben an die ›außerordentlichen, ja fast übernatürlichen Kräfte von Investoren‹ endlich einmal rational hinterfragen und diese nicht nur mit Samthandschuhen anfassen«, so Sattler und Francke.