Müllchaos: Eigentümerin und Mieter geben sich gegenseitig die Schuld
Bad Nauheim (jw). Der Garten zugemüllt, das Haus von oben bis unten mit Gerümpel vollgestellt - und keiner will’s gewesen sein.
Seit mehr als zwei Jahren steht im Hof ein Container. (Fotos: Wagner)
Nachdem die WZ über das verwahrloste Anwesen in der Frankfurter Straße berichtet hatte, meldete sich bei den Nachbarn ein Fernsehteam. Interviews wurden aufgenommen, der Bericht soll an einen TV-Sender verkauft und möglicherweise in der nächsten Woche ausgestrahlt werden. Fragt man die direkt Betroffenen, hört man gegenseitige Anschuldigungen. Der Kraftfahrer Dietmar Jander, der mit seiner Frau Elke und sechs Kindern im Erdgeschoss der Villa wohnt, gibt der Eigentümerin die Schuld. Marianne Fremder, die das Haus 2006 ersteigert hat, macht wiederum den Mieter für den ganz Unrat verantwortlich. Was der entschieden von sich weist.
Im Garten sieht’s schlimm aus, im Haus ist es nicht viel anders. Vom Keller bis zum Dachgeschoss liegt Gerümpel herum, von der ausgedienten Kloschüssel bis zu alten Möbeln. Einzig die Wohnung im Erdgeschoss, wo die Familie Jander lebt, ist aufgeräumt. »Im ersten Stock und im Keller stapelt sich der Müll bis an die Decke«, sagt Dietmar Jander. »Die kann einfach nichts wegwerfen.« Vor zwei Jahren ist er hier eingezogen, die Vermieterin habe versprochen, Haus und Garten aufräumen zu lassen. »Und ich habe zugesagt, zu helfen. Ich habe mir den Garten schon bildlich vorgestellt, wie die Kinder dort spielen können.« Doch dann sei nichts mehr passiert. Die Eigentümerin habe den Müll nicht wegräumen lassen, Jander sah nicht ein, warum er weiter Zeit und Geld ins Aufräumen investieren sollte. Die Heizung sei auch kaputt. Als die älteste Tochter noch im Dachgeschoss wohnte, habe sie im Winter gar keine Heizung gehabt. Im Dezember habe es im Dachgeschoss einen Wasserrohrbruch gegeben, die Stadt habe den Monteur bezahlen müssen, weil die Eigentümerin nicht erreichbar gewesen sei. Der Heizungsraum sei vermüllt gewesen, er habe ihn aufgeräumt. Manchmal hörten sie nachts dumpfe Schläge im Garten, erzählt Elke Jander. Dann fliege wieder etwas über die Mauer und der Müllberg im Garten wächst weiter. Mehrfach seien sie deswegen beim Ordnungsamt gewesen, »ohne Erfolg«. Die Kinder dürften nicht im Garten spielen. »Aber Kinder halten sich nicht an alles, was man ihnen sagt.«
Der Flur im ersten Stock: Im gesamten Treppenhaus steht Gerümpel herum, im Keller, im ersten Stock und im Dachboden sehe es noch schlimmer aus, sagen die Mieter. Alles werde aufgehoben, verantwortlich sei die Eigentümerin.
»Im Garten gibt es Ratten«
Wo Müll ist, da sind auch Ratten. Ja, sagt Jander, die gebe es im Garten, hinter den gelben Säcken hat er sie gesehen. Und in der Wohnung gibt es Mäuse, die durch die Ritzen schlüpfen. »Wir wären lieber heute als morgen hier raus. Aber mit sechs Kindern findet man in Bad Nauheim keine Wohnung.« Jander hat bereits drei Kündigungen erhalten, zum 1. September muss er nun raus. Aber wohin?
Fragt man Marianne Fremder, die in Friedberg lebende Eigentümerin, hört sich die Geschichte ganz anders an. Der Müll im Garten sei schon dagewesen, bevor die Janders einzogen, räumt die 76-Jährige ein. Und überhaupt: Was sie in ihrem Haus aufhebe, gehe niemanden etwas an. Aber warum wird der Müll nicht beseitigt? Wer die Antwort hören will, muss Geduld mitbringen. Fremder erzählt ohne Punkt und Komma, sie kommt vom Hundertsten ins Tausendste, erzählt vom Amtsgericht, das sie schon dreimal habe entmündigen wollen, von ihrer Mutter, die sie bis zu deren Tod pflegte, von einem Hospiz, das die pensionierte Krankenschwester in der Villa einrichten wollte, von unbezahlten Handyrechnungen, dem Gerichtsvollzieher und einem Stalker, der ihr nachstelle und ihre Häuser in einen Schrottplatz verwandle. Und warum wird der Müll nicht weggeräumt? Das werde er doch, sagt sie, jedes Jahr lasse sie einen Container abholen. Und außerdem hätten die Mieter den ganzen Müll angeschleppt. Im September, wenn die aus der Wohnung raus seien, werde alles renoviert.
Dietmar Jander kann darüber nur lachen. »Das kann jeder bestätigen, dass das nicht von uns ist«, sagt er. Zweimal im Jahr bestelle er für eigene Sachen den Sperrmüll, das sei nachprüfbar. Jedes Jahr bestelle Fremder einen Müllcontainer? Stimmt nicht, sagt der Mieter. Der Container im Hof stehe schon über zwei Jahre. »Wir können für das Dilemma nichts«, pflichtet ihm seine Frau zu. Die Janders hoffen, dass endlich die Behörden einschreiten. Und dass sie eine neue Bleibe finden, ohne Müllhalde im Garten.