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Mühsames Herantasten am Bad Nauheimer Bahnhof

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Artikel vom 12.02.2016 - 15.00 Uhr

Mühsames Herantasten am Bad Nauheimer Bahnhof

Bad Nauheim (ui). Wer kennt es nicht? Noch wenige Sekunden, bis der Zug losfährt, man hetzt zum Bahnsteig. Doch wenn man nichts oder wenig sieht, dann ist das mit dem Sprinten so eine Sache. Stattdessen muss man sich vortasten, was deutlich länger dauert. Erst recht dann, wenn – wie am Bad Nauheimer Bahnhof – die Hilfsmittel ihren Namen nicht verdienen.

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Der Lageplan ist gut gemeint, jedoch für einen Blinden schwer zu finden. Außerdem ist er zu tief angebracht, Kurt Löwenstein muss in die Hocke gehen. (Foto: ui)
© Dr. Ulla-Ira Stamm
Kurt Löwenstein und Isolde Schaller sind auf Bus und Bahn angewiesen. Er ist blind, sie stark sehbehindert. Wichtig ist deshalb auch, dass sie beim Umsteigen die Verbindungswege finden können. Löwenstein berichtet von seinem Mobilitätstraining: Mit einem speziell ausgebildeten Lehrer und Freunden hat er den Weg von der Businsel vor dem Bahnhof bis zum Zug trainiert. »Das waren mehr als zehn Stunden Spezialunterricht vor Ort. Der Weg ist kurz, aber immer noch abenteuerlich für mich. Der Bahnhofsvorplatz ist äußerst schwierig, im Bahnhof fehlt alles, der Gleisbereich ist noch am besten. Die Bahn hat sich bemüht, aber es funktioniert nur teilweise.«

Löwenstein macht auf einen Lageplan aufmerksam, der speziell für Blinde angefertigt worden ist. Alle Informationen darauf können ertastet werden, die Buchstaben sind in Profil- und Brailleschrift verfasst, die Lage der Treppen und der Aufzüge wird angegeben. »Der Plan ist super, hat aber zwei Probleme: Zum einen hätte ich ihn alleine nie gefunden. Zum anderen muss ein Blinder, um alle Informationen zu begreifen, mindestens fünf Minuten unten in der Hocke aushalten. Knien geht auch.«

Orientierungslos auf dem Parkplatz

Isolde Schaller zeigt auf eine Sicherheitsvorkehrung, die nicht allzu viel Geld gekostet haben dürfte: »An der untersten und obersten Stufe von jedem Treppenlauf sind die Kanten kontrastreich in Gelb gestrichen. Dadurch wissen sehbehinderte und unaufmerksame Menschen sehr genau, wo die Treppen anfangen und aufhören.« An den Treppengeländern hat die Bahn Hinweise auf die Gleisnummern angebracht. Die Brailleschrift wurde aus Metallkügelchen zusammengesetzt – von denen allerdings viele fehlen. Die Hinweise seien kaum noch zu entziffern, sagt Löwenstein. Oben an Gleis 1 angekommen demonstriert er begeistert die Funktionsweise der dort verlegten Rippen- und Noppenplatten. Mit seinem weißen Stock tastet er die Platten ab, folgt ihrem Verlauf, biegt nach rechts und links ab: »Freie Flächen, wie zum Beispiel ein Bahnsteig, sind für uns Blinde das größte Hindernis, die größte Barriere. Da sind solche Bodenplatten sehr hilfreich.«

Doch auch hierbei gibt es ein Problem, denn der Weg zum Nachtausgang, der ab 20.30 Uhr benötigt wird, ist mühsam. Die Rippen- und Noppenplatten führen Blinde am Fürstenbahnhof vorbei und knicken dann ab zum Südparkplatz. Dort enden sie plötzlich. Der Blinde steht dann weitab vom Bahnhofsgebäude auf einem nachts menschenleeren Parkplatz und ist orientierungslos. Löwenstein kommentiert dies mit den Worten: »Als ich das erste Mal hier stand, war ich schockiert. Das ist gefährlich. Glücklicherweise war es nur ein Test, ich war nicht allein. Der Nordausgang über die Treppe ist auch für uns viel geeigneter, wesentlich kürzer und sicherer.« Schaller und Löwenstein schlagen vor, den Nordausgang des Bad Nauheimer Bahnhofs zum offiziellen Nachtausgang zu machen und dort auch einige Rippenplatten zu verlegen. Die beiden denken darüber hinaus auch an Menschen mit einem anderen Handicap: »Rollstuhlfahrer und Rollatorfahrer kann man dann durch ein Rollstuhlsymbol auf den stufenlosen Südausgang hinweisen.« Kurt Löwenstein und Isolde Schaller möchten an die Bahnverwaltung schreiben und kooperieren.

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Artikel vom 12.02.2016 - 15.00 Uhr
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Leserkommentare
(13.02.2016 11:59)
Christelle
Eine Tafel für Zwerge
Eine telefonische Anfrage in der Schule fuer Blinde in Friedberg wegen des anzubringenden Hinweisschildes - mehr nicht. Wie ich meine ehemaligen Kollegen kenne, waere sogar eine Ortsbesichtigung und Beratung moeglich gewesen.
Fuer blinde Grundschulkinder mag die Tafel ja ausreichend sein, nicht aber fuer hochgewachsene Jugendliche und Erwachsene.
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