Bad Nauheim (ihm). Seit Juli müssen freiberufliche Hebammen knapp 3700 Euro pro Jahr für ihre Berufshaftpflichtversicherung bezahlen. Laut Deutschem Hebammenverband steht dem ein Durchschnitts-Jahresumsatz von 23 300 Euro gegenüber. 186 000 Personen unterzeichneten unlängst eine Petition.
Viele Eltern wünschen sich eine Geburtsbegleitung durch Hebammen, die sie bereits kennen. Die hohen Berufshaftpflichtprämien gefährden die freiberufliche Geburtshilfe jedoch.
Ziel: Der Bundestag möge Schritte beschließen, um eine wohnortnahe Versorgung mit Hebammenhilfe weiter zu sichern. Ergebnis eines Schiedstermins: Freiberuflerinnen erhalten 8 Euro mehr pro Beleggeburt (in der Klinik) und 100 Euro mehr pro außerklinische Geburt. Die WZ unterhielt sich mit Hebamme Katrin Schröter aus Bad Nauheim sowie der Kreisvorsitzenden Susanne Otte-Seybold.
»Hallo! Die große Schwester! Das ist aber super, dass du dabei bist«, lacht Katrin Schröter. Die zweieinhalbjährige Alina ist zusammen mit ihren Eltern zur Vorsorgeuntersuchung in die Hebammen-Praxis gekommen. Alinas Mama ist im siebten Monat schwanger. Sie wird von Beginn an von Schröter betreut und möchte sich auch bei der Niederkunft von ihr begleiten lassen. Neben Praxis-Mitarbeiterin Annegret Kalunka ist sie die einzige Hebamme in Bad Nauheim, die sogenannte Beleg-Geburten übernimmt. Das heißt: Werdende Mütter darf sie im Hochwald-Krankenhaus in Bad Nauheim und der Asklepios-Klinik in Lich betreuen, obwohl sie nicht angestellt ist.
Seit Anfang Juli haben Hebammen, die freiberuflich Geburten begleiten, mit einem finanziellen Handicap zu kämpfen: Die Jahresprämie für die Berufshaftpflichtversicherung ist um mehr als 1000 Euro auf knapp 3700 Euro gestiegen. Zum Vergleich: 1992 waren es 179 Euro.
»Um das bezahlen zu können, muss ich zwölf Geburten machen«, schildert Schröter. Durchschnittlich 300 Euro verdiene sie pro Niederkunft. Die Haftpflicht für sich und ihre Angestellte – zusammen fast 7400 Euro – könne sie sich nur leisten, da sie genügend Anfragen habe. Kolleginnen, die bislang nur wenige Geburten pro Jahr betreuten, könnten das vermutlich nicht mehr finanzieren. Etwa acht bis zehn Niederkünfte pro Monat sei – bei ihrem persönlichen Anspruch an Verfügbarkeit und Versorgungsqualität – eine realistische Größe, wenn man zu zweit arbeitet. Mehr sei nicht machbar, da der zeitliche und organisatorische Aufwand hoch ist. Schröter: »Derzeit kann ich noch nicht überblicken, ob wir dauerhaft weiter Geburtshilfe anbieten können.« Ihre geschäftliche Existenz könne sie gegebenenfalls leichter sichern, wenn sie ausschließlich Kurse sowie Vor- und Nachsorge offeriere. Für diese Angebote sei die Haftpflichtversicherung um ein Vielfaches geringer. Sollte es so kommen, sei das bedauerlich, denn die Nachfrage der Eltern nach einer vertrauten Hebamme bei der Geburt sei groß. »Wir haben erst wieder freie Kapazitäten ab Januar«, berichtet die Bad Nauheimerin.
Die Erhöhung der Versicherungsprämien sei nicht etwa deshalb erfolgt, weil die Anzahl der Schadensfälle gestiegen sei. »Die Zahlen sind gleich geblieben. Hintergrund ist: Die Kosten im Gesundheitswesen sind so explodiert, dass die Schadensfälle teurer geworden sind.« Dieser Umstand, so Schröter, liege jedoch nicht in der Verantwortung der Geburtshelferinnen: Würde ihr Berufsstand besser vergütet, betonte sie, hätten die Hebammen kein Problem mit der Höhe der Haftpflichtprämie.