Bad Nauheim (jw). Nach dem Kreislaufwirtschafts- und -abfallgesetz ist jeder Bürger verpflichtet, seinen Müll zu beseitigen. Das Wohl der Allgemeinheit und somit die Gesundheit der Menschen darf nicht beeinträchtigt werden. Die Realität sieht manchmal ganz anders aus.
Blick vom Balkon des Nachbarhauses auf den vermüllten Garten: Zwischen Bauschutt und ausgedienten Möbeln spielen schon mal Kinder. Den Anwohnern stinkt’s. (Foto: pv)
In der Frankfurter Straße 11 steht zwischen einem Lebensmittelmarkt und einem viergeschossigen Mehrfamilienhaus eine heruntergekommene Villa, die zur Straße hin von drei Bäumen abgeschirmt wird. Schaut man genauer hin und wirft man einen Blick in den von einer Mauer umgebenen Garten, glaubt man, vor einer Müllhalde zu stehen. Während im Vorgarten Computerbildschirme und Spielzeug herumliegen, vergammeln hinter dem Haus Matratzen, Möbel und vieles mehr. Die Nachbarn, die das Chaos tagtäglich vor Augen haben, wollen das nicht mehr länger hinnehmen. Doch einen Ausweg aus dem Dilemma sehen sie nicht, und den Behörden sind offenbar die Hände gebunden.
»Jeder sagt, macht doch endlich mal was«, erzählt Helmut Schmidt. Aber keiner fühlt sich verantwortlich. Schmidt reicht’s. Der Bad Nauheimer besitzt im Nachbarhaus zwei Eigentumswohnungen. In der einen wohnt er selbst, vom Balkon aus hat er das Gerümpel direkt vor Augen: Um einen Apfelbaum, eine Tanne, etliche ungepflegte Sträucher und einen abgestorbenen Baum gruppieren sich alte Stühle, Schränke, Fenster, die Reste einer illegalen Gartenhütte, ein Metallregal, ein Schubkarren, große Mengen Bauschutt, unter der eine Markise vergraben liegt, und unter einer Matratze kann man mit etwas Fantasie die Reste einer zweiten Matratze erkennen, die bereits in die Phase des biologisch-dynamischen Zerfalls eingetreten ist.
Auch der Balkon von Schmidts zweiter Eigentumswohnung liegt direkt vor dem Garten. »Mein Mieter beschwert sich seit langem und hat bereits Mietminderung angedroht.« Seit gut fünf Jahren verwildere das Grundstück immer mehr, erzählt Schmidt. Wenn mal wieder eine Wohnung in der Villa ausgeräumt werde, lande alles im Garten. »Was muss man sich eigentlich alles gefallen lassen?«, fragt er sich.
Die Eigentümerin des Hauses und die Familie, die darin wohnt, waren für die WZ nicht erreichbar. Die Eigentümerin ist bei den Behörden keine Unbekannte. Vor einigen Jahren sorgte sie für Aufsehen, als sie in ihrer Wohnung mitten auf der Friedberger Kaiserstraße ein Hausschwein hielt. Die Nachbarn beschwerten sich über den Gestank. Nun gibt’s Ärger in Bad Nauheim. Als der Hausmeister des Nachbarhauses die Eigentümerin vor einiger Zeit auf den Missstand ansprach, sei er bedroht und beleidigt worden, sagt Schmidt. Für besonders prekär hält er die Tatsache, dass die in dem Haus wohnenden Kinder inmitten des Gerümpels spielen. Er hat Fotos gemacht, die dies zeigen. »Ich habe selbst zwei Kinder und zwei Enkel, denen würde ich nicht erlauben, sich dort aufzuhalten.« Die Nachbar haben die Befürchtung, dass der Müllhaufen Ratten anzieht, und wenn’s besonders heiß ist, stinkt’s den Anwohnern im wahrsten Sinne des Wortes.
Aber auch vorne, im Vorgarten, sieht’s meist aus wie bei der berühmten Familie Hempel unterm Sofa. Auch hier gelbe Säcke, alte Elektrogeräte, Müll und Unrat. Vor einigen Tagen reklamierte die Stadt, dass die Hecke geschnitten werden muss. Die Fußgänger an der Frankfurter Straße kamen kaum an dem wild wuchernden Grün vorbei. Das ist mittlerweile geschehen, jetzt sieht die Hecke wie gerupft aus. Nebenan in der Hofeinfahrt steht »seit Jahren«, wie Schmidt sagt, ein von Abfall flankierter Müllcontainer. Würden die Mülltonnen zum Entleeren vors Haus gestellt, dauere es oft Tage, bis die leeren Tonnen wieder hereingeholt werden.