Bad Nauheim/Ober-Mörlen (nbu). Es ist nicht lange her, da lebte die Wildkatze fast überall in Europa. Heute ist sie an vielen Orten ihrer ursprünglichen Heimat verschwunden oder vom Aussterben bedroht. Zu lange wurden die Bestände durch Jagd dezimiert, heutzutage findet Felis silvestris silvestris - so die wissenschaftliche korrekte Bezeichnung - immer weniger Lebensraum. Am Winterstein aber gibt es die Wildkatze noch
Eine Wildkatze auf der Pirsch: Im Winter wird die Nahrung am Winterstein knapp. (Foto: BUND)
»Das Vorkommen der Wildkatze ist schon etwas Besonderes«, sagt Hans Lang, Leiter des Forstamtes Weilrod, das für das Winterstein-Gebiet zuständig ist. »Wir sind stolz darauf.« Zwar vermuten die hessischen Förster, dass die Wildkatze aus der hiesigen Region nie völlig verschwunden war, doch heute breitet sie sich wieder aus. Belegt sei das zum einen durch Wildkatzen, die in sogenannte Kamerafallen tappen. Eine am Baum angebrachte Kamera reagiert auf Bewegung und fotografiert so unterschiedlichste Tiere, die vorbeikommen. Auf diesen Fotos sei immer häufiger auch die Wildkatze zu sehen, berichtet Thomas Götz, Pressesprecher des Forstamts Weilrod. Zum anderen könne durch die Untersuchung von toten Tieren eindeutig belegt werden, dass es sich um Exemplare der Wildkatze handele. Denn diese Art unterscheidet sich genetisch von der Hauskatze, es handelt sich also um eine eigene Rasse.
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts sei die Wildkatze intensiv verfolgt und nahezu ausgerottet worden, berichtet Lang. Als Konkurrenten betrachteten Jäger das Tier, doch heute weiß man, dass die Wildkatze sich hauptsächlich von Mäusen ernährt und somit einen positiven Beitrag zur Erhaltung des Waldes leistet. »Indem sie den Bestand der Mäuse reduziert, schützt die Wildkatze bestimmte Arten von Forstpflanzen, die sonst übermäßig von Mäusen geschädigt werden«, erklärt Götz. Inzwischen sei auch die Sensibilität für die Bedeutung des Wildkatzen-Vorkommens bei den Jägern vorhanden, ergänzt der Pressesprecher. Versehentliche Abschüsse, bei denen eine Wildkatze für eine wildernde Hauskatze gehalten wird, kämen kaum noch vor.
Viele Wildkatzen werden überfahren
Wildkatzen sind reine Waldbewohner, sie überqueren keine größeren freien Flächen. Kleine Lichtungen, verborgene Waldwiesen oder Sträucher sind ihre Jagdgründe, Baumwurzeln und totes Geäst ihre Verstecke. Solche Strukturen finden sich am Winterstein, sagt Götz. »Manchmal wird uns der Vorwurf gemacht, der Wald sei nicht aufgeräumt. Aber es ist wichtig, dass Totholz im Wald bleibt. Es schafft Lebensräume.« Zur Entstehung dieser Strukturen habe auch die Natur einen wichtigen Beitrag geleistet. Die starken Stürme der letzten Jahre haben immer wieder Bäume umgeknickt und Lichtungen geschaffen. Dort, wo Bäume dann wieder ausschlagen, leben viele Mäuse, und Wildkatzen finden genügend Nahrung. Schwierig werde es allerdings im Winter, ergänzt Hans Lang. Bei länger anhaltender Kälte mit Schnee auf gefrorenem Boden finden die Wildkatzen kein Futter mehr. Doch der größte Feind des kleinen Jägers ist der Mensch, genauer gesagt der Straßenverkehr. Immer wieder werden überfahrene Wildkatzen gefunden, so Lang weiter. Das hänge auch damit zusammen, dass die Wildkatze wandere.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat eine große Kampagne gestartet, um die Wildkatze in Europa zu schützen. »Die Wildkatze hat zwei charakteristische Ansprüche«, erläutert Sonja Gärtner vom BUND Hessen. »Sie benötigt einen großen Raum und naturnahe Wälder.« Damit stehe die Wildkatze stellvertretend für alle waldgebundenen Säugetiere, die es zu schützen gilt. Die Population in Hessen schätzt der BUND auf 200 bis 400 Tiere.
»Luchse gibt es definitiv nicht«
Das Forstamt Weilrod appelliert an die Bevölkerung, nicht auf die Suche nach Wildkatzen zu gehen. »Die Chance, eine Wildkatze zu Gesicht zu bekommen, ist sehr gering«, meint Lang. »Sie ist ein scheues Tier, das tagsüber versteckt schläft und nachts jagt.« Wer durchs Unterholz schleiche, um Wildkatzen zu suchen, störe die Tiere nur. Und wer junge Wildkatzen entdecke, die scheinbar verlassen sind, solle diese nicht einfangen, ergänzt Götz. Die Mutter sei meist in der Nähe, um zu jagen, und kehre bald zurück. Wer dennoch unsicher sei, solle dem Förster Bescheid sagen. »Junge mitzunehmen ist verboten, da die Tiere unter Artenschutz stehen. Abgesehen davon werden sie sowieso nicht richtig zahm.«
Das Vorkommen der Wildkatze am Winterstein ist »ein gutes Zeichen für intakte Natur«, sagt Lang. Auch bedrohte Schmetterlingsarten, der Schwarzstorch und die seltene Gelbbauchunke hätten sich angesiedelt. Nur ein Gerücht müssen die Herren vom Forstamt aus der Welt schaffen: Luchse gibt es am Winterstein definitiv nicht. Aber so wie die Voraussetzungen sind, wäre es möglich, dass auch diese Tiere sich ansiedeln.