Bad Nauheim/Friedberg (lk). Mit Freudentränen in den Augen und einem herzzerreißenden Schluchzen verließ am Montag eine 50-jährige Bad Nauheimerin den Gerichtssaal des Friedberger Amtsgerichts. Angeklagt war die gebürtige Kasachin, weil sie - um Heizkosten zu sparen - den Gaszähler im Keller ihres Wohnhauses manipuliert und somit Gas in großen Mengen fleißig am Zähler vorbeigejagt haben soll. Das Gericht unter Vorsitz von Richterin Franzke sprach die Mutter zweier erwachsener Töchter frei.
Die angeklagte Sachbearbeiterin soll von September 2005 bis Mai 2007 durch ein Bohrloch Gas bereits vor der Messstelle des Zählers zu sich in die Wohnung abgeleitet haben, wodurch das Messgerät lediglich einen sehr geringen Verbrauch anzeigte. Den Stadtwerken Bad Nauheim soll auf diesem Wege ein Schaden in Höhe von 2600 Euro entstanden sein, so zumindest wollte es die Anklageschrift.
Die sichtlich nervöse Frau ließ ihren Verteidiger, Rechtsanwalt Ingo Kern, für sich sprechen. Anfang Oktober 2005 sei die Enkeltochter seiner Mandantin geboren worden. Die Angeklagte habe sich ab diesem Zeitpunkt kaum noch in ihrer eigenen Wohnung aufgehalten, sondern die nächsten 19 Monate überwiegend bei ihrer Tochter und deren Kind gelebt. Sie sei nur noch sporadisch in ihrer Wohnung gewesen, auch habe es dort einen Kamin gegeben, mit dem die 50-Jährige in erster Linie geheizt habe. »Sie hat keine Kenntnisse hinsichtlich der Manipulation von Gaszählern, außerdem fehlt ihr der technische Sachverstand«, sagte Verteidiger Kern. Die Trickserei am Gaszähler sei erst im Dezember 2008 festgestellt worden. Zu diesem Zeitpunkt habe seine Mandantin bereits nicht mehr in der betreffenden Wohnung gelebt.
Auch ein Mitarbeiter der Bad Nauheimer Stadtwerke, der die Manipulation am Gaszähler entdeckt hatte, musste als Zeuge vor Gericht aussagen. Er gab an, eine solche Bohrung in seiner über 20-jährigen Tätigkeit beim städtischen Versorger noch nicht gesehen zu haben. »Eine solche Bohrung ist nicht nur ein betrügerisches, sondern auch ein gefährliches Unterfangen«, sagte der Mann.
Ein Arbeitskollege der Angeklagten bestätigte, dass er bei der 50-Jährigen im April 2007 etwa einen Kubikmeter Holz abgeholt habe. Die Bad Nauheimerin sei damals aus ihrer Wohnung ausgezogen. »Wir hatten einmal darüber geredet, dass sie daheim mit Holz heizt - so wie ich auch«, sagte der Mann. Als seine Arbeitskollegin umgezogen sei, habe sie das Holz nicht mehr benötigt und es ihm geschenkt.