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Die Kleidung zerreißen, das Kaddisch sprechen

Artikel vom 29.09.2011 - 10.51 Uhr

Die Kleidung zerreißen, das Kaddisch sprechen

Bad Nauheim (ihm). Das jüdische Bestattungswesen war Thema eines Vortrags in der Synagoge vor Mitarbeitern der Kreisverwaltung. Anlass waren die Interkulturelle Woche und ein aktueller Vorfall.

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Jüdische Gräber sind schmucklos. Wie das Beispiel Bad Nauheim zeigt, gibt es aber Unterschiede zwischen orthodoxen Grundsätzen und liberaler Praxis.
Ein mittelloses Gemeindemitglied war gestorben. Wie es zunächst aussah, gab es keine Verwandten, die die Bestattung zahlen oder sich wegen der Beerdigungskosten ans Sozialamt wenden konnten. Das städtische Ordnungsamt begleicht in solchen Fällen die Rechnung: stets für die preiswerteste Variante, die Einäscherung. Im Judentum wird jedoch körperbestattet. Das führte zu Hin und Her zwischen Behörde und Gemeinde. Schließlich stellte die Kreisverwaltung klar: Glaubensgrundsätze werden eingehalten. Durch den Info-Termin sollen künftige Irritationen ausgeschlossen werden.

»Tod ist kein angenehmes Thema«, sagte Benni Pollak, Religionslehrer für den Landesverband jüdischer Gemeinden. Das Judentum sage jedoch, Sterben sei keine Katastrophe. Abschied sei schwierig, gleichwohl müsse der Tod mit Respekt akzeptiert werden. »Sterbehilfe und Suizid sind im Judentum tabu«, so Pollak. Der Rabbi versuche, bei Selbstmorden eine psychische Erklärung zu finden, sofern sie aus tragischen Beweggründen geschehen. Das gelte aber nicht bei Lebensmüdigkeit oder -unlust.

Gemäß jüdischem Glauben kann eine Gemeinde ohne eigenen Friedhof nicht überleben. Die einzige Art der Bestattung ist das Begraben. Ort muss ein jüdischer Friedhof oder eine abgeteilte Parzelle auf dem Hauptfriedhof anderer Konfessionen sein. Wichtig seien Mauer oder Zaun. Hauptgrund ist nicht der Schutz der Gräber, sondern ein spirituelles Motiv. »Juden unterscheiden stark zwischen Leben und Tod«, erläuterte Pollak. Lebendige Elemente wie Blumen, Essen und Musik gehörten nicht auf den jüdischen Friedhof. Er sei ein Ort der Ruhe. Man setze sich auch nicht dorthin, um sich zu unterhalten. »Der Lebende muss lernen, sich zu verabschieden.«

Besuchen Juden ein Grab, legen sie einen Stein nieder. Er ist Symbol für ein Herz, das nicht mehr schlägt. Es gebe aber auch einen anderen Grund, erläuterte der Religionslehrer: Nach jüdischem Ritual wird der Leichnam nur im Totengewand bestattet, ohne Sarg. Die Steine, über der Ruhestätte aufgetürmt, sollen den Körper vor Tieren schützen. In Europa bestehe allerdings Sargpflicht, man verwende statt eines üblichen Sargs eine einfache Kiste.

Auch den Ablauf der Trauerfeier bei Juden erläuterte Pollak. Zunächst hält der Rabbi eine Abschiedsrede auf den Verstorbenen. Von der Synagoge aus geht die Trauergesellschaft zum Friedhof. Mit den Händen wird das Grab zugeschaufelt. Die nächsten Blutsverwandten zerreißen ihre Kleidung mit einem Messer, sprechen das Kaddisch, eines der wichtigsten Gebete im Judentum und Lobpreisung Gottes. Anschließend gehen sie heim und dürfen das Haus sieben Tage nicht verlassen. Sie sitzen auf niedrigen Hockern, dürfen sich nicht waschen, behalten die zerrissenen Kleider an und geben sich der Trauer hin. Die Tür bleibt offen, kurze Trostbesuche erfolgen. Mit dem Setzen des Grabsteins warten die Angehörigen etwas, innerhalb von einem Jahr müsse es jedoch geschehen.

Gemeinde orthodox, Mitglieder nicht



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Artikel vom 29.09.2011 - 10.51 Uhr
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